Die 4000m hohe Südwand

Stefan im Nido di Condores,
unserem Ausgangspunkt
zum Gipfel

Stefan beim Wasser schmelzen

Nach 6 Stunden und
1600 Hm endlich oben

Unser Hochlager
auf 5400m
Der Ausgangspunkt in
ca. 30km Entfernung.
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Aconcagua, 6959m

 

 

 

Entscheidung auf dem Dach der westlichen Welt

Aconcagua, 6959m, Argentinien, Südamerika


Hoch hinaus wollen in Südamerika viele. Auch diejenigen die eigentlich in dieser Bergewelt nichts verloren haben. Der Aconcagua zählt mit seinen 6959m als höchster Berg von Südamerika. Er ist ebenfalls der höchste Berg des gesamten Nord- und südamerikanischen Kontinents und außerhalb des Himalajas. Somit ist es also auch nicht verwunderlich, daß sich gerade an diesem Berg sehr viele Menschen tummeln. Allerdings sollte man meinen, daß es sich bei einem so bedeutenden Berg überwiegend um erfahrene Bergsteiger handelt. Aber schon bei unserer Ankunft in Puente del Inka merken wir recht schnell, daß sich hier ein bunt gemischtes Klientel versammelt hat. Der 2700m hoch gelegene Ort Puente del Inka ist der Ausgangspunkt für alle diejenigen, die den Berg auf einer seiner sehr unterschiedlichen Routen besteigen wollen.
Nahe an der chilenisch-argentinischen Grenze liegt dieser kleine Ort direkt an der Hauptverbindungsstraße zwischen den beiden Staaten. Hier können die letzten Vorbereitungen für die Besteigung abgeschlossen werden, bevor das ganze Gepäck per Maultier zu den weit entfernten Basislagern transportiert wird. Der Berg bietet sehr unterschiedliche Besteigungsmöglichkeiten. Angefangen von der technisch leichtesten Normalroute über die Nordflanke, die damit auch von den meisten gewählt wird, besteht weiterhin die Möglichkeit, über die Ostflanke oder die berühmte 3000m hohe Südwand aufzusteigen. Welcher Weg auch immer gewählt wird, wirklich leicht ist keiner an diesem Bergriesen. Der häufig unterschätzte Normalweg ist schon unzähligen Bergsteigern zum Verhängnis geworden. Die Verhältnisse sind nur selten ideal. Aufgrund seiner exponierten Lage herrschen nahezu immer extreme Winde und schnell wechselnde Wetterverhältnisse vor.

Die Temperaturen schwanken rasch und unerwartet zwischen Schweiß- treibender Hitze und polarer Kälte. Diese Tatsache wird oft auf den technisch anspruchsloseren Wegen vernachlässigt. Jährlich versuchen bis zu 3000 Menschen den fast 7000er zu besteigen. Allerdings schaffen es gerade mal 15 - 20% auf den Gipfel. Oft ist mangelnde Erfahrung oder unzureichende Ausrüstung das Ende eines Traumes oder der Beginn von so manchem Alptraum. Wir ließen uns recht schnell von den vorherrschenden Wetter- und
Windverhältnissen belehren und drosselten unsere Erwartungen und den Wunsch, die Besteigung über eine der Südwandrouten zu versuchen. Hier werden Fehlentscheidungen gleich zum Verhängnis.

Wir, das sind Stefan, Andy, Werner und ich. Außer Werner, meinem Bruder, sind alle erfolgreiche Mt. Mc Kinley Besteiger und somit auch mit ausreichender Expeditionserfahrung gerüstet.

Am 14.12.98 zogen also auch wir zum 40km entfernten Basislager los. Uns erwartet eine unwirkliche, trockene Wüstenlandschaft. Der Weg folgte den unendlich erscheinenden Hochtäler, immer weiter in die wilde Landschaft der Anden. Für einen europäischen Bergsteiger eine sehr ungewohnte Umgebung. Dennoch bot diese windige und staubige Einöde viele imposante landschaftliche Eindrücke. Die Gesteinsformationen und deren Farben wechselten in dieser vulkanischen Urlandschaft mit fast jedem Meter. Oft läßt nur der starke mitunter eisige Wind es nicht zu, all diese schönen Formationen zu genießen.

Stattdessen zogen wir lieber die Mützen herunter und stemmten uns mit aller Kraft gegen den Wind, um wenigsten etwas voran zu kommen.

Nach zwei Tagen im Basislager angekommen begegnete uns wieder das übliche Völkergemisch, das wir schon von anderen Lagern kannten. Aber gerade das macht eine solche Unternehmung erst richtig reizvoll. Hier kamen die ganzen Wünsche und Träume der Bergsteiger und solcher, die es noch werden wollen, aus der ganzen Welt zusammen. Die Faszination und der "Virus" Bergsteigen scheint grenzüberschreitend zu sein. Aber kaum einen Tag im Lager angekommen, eröffnen sich schon die Schattenseiten dieser besonderen Lebensweise eines Bergsteigers. Im über fünftausend Meter hoch gelegenen Nido di Condores hatte sich ein Bergunfall ereignet. Eine argentinische Gruppe war in Folge von akuter Höhenkrankheit verunglückt. Einer der Expeditions- mitglieder stürzte über Felsen ab, kam aber mit einigen Verletzungen davon.

Sein Kamerad verirrte sich zwischen Hochlager und Gipfel aufgrund seiner Höhenkrankheit und erfror. Mit dem Wissen um solche Ereignisse in unmittelbarer Umgebung geht einem schon sehr viel über Sinn und Unsinn solcher Expeditionen durch den Kopf. Aber mit vollem Vertrauen in sein eigenes Handeln und dem Wissen, erfahrene Bergsteiger Kollegen mit sich zu haben, wurden solche negativen Eindrücke schnell verdrängt.

Daher machten wir uns auch schon am darauf folgenden Tag auf den Weg, einiges Material ins Hochlager auf 5400m zu schaffen. Da wir einige Tage zuvor schon auf dem Marmolejo in Chile standen, machte uns die schnelle Vorgehensweise nichts aus. Eine gute Akklimatisation ist an solchen Bergen der Schlüssel zum Erfolg. Dies ist eigentlich eine bekannte Regel bei Unternehmungen dieser Art, dennoch scheinen viele diese nicht zu beachten. Wir bewegten uns nach der altbewährten Methode "carry high sleep low", an einem Tag hoch zum ersten Hochlager, um gleich wieder abzusteigen und die Nacht im tieferen Basislager zu verbringen. Unsere gute Akklimatisation ließ es zu, daß wir schon am vierten Tag am Berg in das 5400m Lager aufsteigen konnten, um dort auf eine gute Besteigungsmöglichkeit zu warten.

Die Erzählungen einiger Maultierführer, daß die Expeditionen auf der Ostseite schon seit Tagen auf bessere Verhältnisse warteten, und die extremen Windverhältnisse hier, unterdrücken jeglichen Wunsch, eine technisch anspruchsvollere Tour zu wählen. Hier heißt es nur noch: Hauptsache hoch, egal wo.

Die erste Nacht im Hochlager blieb mir als eine meiner schrecklichsten Übernachtungen im Gebirge in Erinnerung. Der Sturm schlug unaufhörlich ums Zelt, an Schlafen war nicht zu denken. Die dauernde Angst, das Zelt zu verlieren und bei diesem Sturm ungeschützt zu sein, ließ alle hellwach bleiben.


Die kahlen Flanken des Aconcagua boten im Sturm keinerlei Schutz. Am nächsten Tag wollten wir weiter auf 5900m, um uns den Weg zum Gipfel genauer anzuschauen und zu testen, wie es uns in der Höhe ergehen würde. Auf der ganzen Strecke bis zum sogenannten Berlincamp waren wir dem Wind hilflos ausgesetzt. Die Temperaturen fielen bis auf -30°C. Jeder ungeschützte Körperteil würde weiß anlaufen und gefühllos werden. Tritt dieser Zustand für längere Zeit ein, erfrieren diese Stellen, ohne daß man viel davon bemerken würde.

Umso fassungsloser erschien es uns, daß selbst hier noch Leute mit Trekkingschuhen und minderwertiger Ausrüstung herumliefen.
Es verwunderte uns andererseits aber auch nicht mehr, daß sich hier viele
Bergsteiger ernsthafte Erfrierungen holten. Selbst in unseren gut isolierten Kunststoffschalenschuhen mit Expeditionsinnenschuh wurden die Füße kalt und teilweise gefühllos. Diese erste Exkursion in die Höhe vermittelte uns einen Eindruck von dem, was uns weiter oben noch alles erwarten würde.
An Stelle der technischen Schwierigkeiten rücken die psychischen physischen Ansprüche. Dieser unaufhörliche Wind zehrte nicht nur an den Zelten. Er marterte die psychische und die physische Leistungsfähigkeit jedes einzelnen. Somit trafen wir einen Entschluß: am nächsten Tag wollten wir komplett vom Hochlager bis zum Gipfel durchlaufen. Jeder weitere Versuch, das Lager höher zu verlegen, würde unseren Zustand nicht begünstigen. Um uns herum sahen wir nur zerschlagene Gesichter und unzählige zerplatzte Gipfelträume.

Einige fragten sich oft (nicht nur leise) warum sie eigentlich hier sind. Dieser riesige Schutthaufen wurde sicherlich schon von vielen verflucht. Aber dennoch kommen jährlich immer mehr, um sich dieser selbst auferlegten Bürde zu stellen. Auch Werner gab sich geschlagen und drehte dem Berg den Rücken zu. Er wollte nach dieser Nacht lieber im Basislager auf uns warten. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht machten wir uns in eisiger Frühe auf den Weg zum Gipfel. Wie üblich ließ der Wind sich nicht beknien uns eine Chance zu gönnen. Also hieß es: alle Schotten dicht und durch. Eingemummelt, als wollten wir die nächste Bank berauben, ging es immer höher hinauf. Stefan bekam schon beim Losgehen eisige Füße und bemüht sich pausenlos, diese wieder zum Leben zu erwecken.

Wieder auf 5900m angekommen entschloß er, sich im Schutz der kleinen Holzhütte beim Berlincamp zu erholen und seine Füße zu reanimieren. Da der weitere Weg keine technischen Schwierigkeiten aufwies, das Wetter aber immer bedenklicher wurde, liefen Andy und ich weiter. Schritt für Schritt, langsam und gleichmäßig ging es Richtung Gipfel. Drei Argentinier, die vom Berlincamp aufbrachen, wurden sichtlich langsamer und drehen dann schließlich auf 6400m um. Nun waren nur noch wir einsam im Sturm unterwegs. Der Aufstieg querte eine große Hochfläche, bevor es dann sehr steil eine lose Schuttrinne hinauf zum Gipfelgrat ging. Aber schon die Querung forderte alles an Überwindung, was aufzubringen war. Hier schlug der Sturm erst richtig zu. Die Windgeschwindigkeit stieg auf über 180km/h und die Wolken peitschten über die Felsen.

Kurzfristig war nur noch ein Fortkommen auf Händen und Füßen möglich. Die einzige Schutzmöglichkeit bot ein Felsklotz auf halbem Weg zum Gipfelcouloir. Ich kauerte mich dahinter und wartete, bis Andy zu mir kam. Auch er hatte größte Mühe sich vorwärts zu bewegen. Als er bei mir ankam, schlug er den Rückzug vor. Ich empfahl ihm, hier ein wenig auszuruhen, um es sich dann noch mal zu überlegen.

Die Entscheidung, im richtigen Moment umzudrehen, ist oft sehr viel schwieriger als die, weiterzugehen und sich der Anstrengung zu stellen. Ich entschied mich dazu weiterzugehen. Ich versuchte mich immer wieder selbst zu kontrollieren. Arbeiten alle Systeme noch zuverlässig? Ist alles noch im akzeptablen Bereich? Habe ich Kopfweh oder sonstige Schmerzen? Spüre ich meine Füße und Finger noch? Ich stelle mir ständig neue Rechenaufgaben, um eine Koordinations- schwäche oder eine drohende Höhenkrankheit zu bemerken.

Der Körper wurde zur Maschine, die es zu beherrschen galt. Es ging immer weiter und höher. Zehn Schritte gehen, stehenbleiben, weitere zehn Schritte aufwärts, stehenbleiben. Ich kämpfte mich jeden Meter hinauf. Nun stiegen die Ansprüche an Körper und Geist stark an. Ich rang immer mehr nach Luft, doch die Gesichtsmaske schien mir die Luft abzudrehen, allerdings wäre es ohne Maske extrem kalt geworden. Nase und Wangen drohen zu erfrieren. Das Geröllcouloir bot nahezu keinen Halt, und rutschte permanent unter den Füßen ab. Der Berg stellte sich mit allen Mitteln gegen mich. Doch die Systeme funktionierten, und ich erreichte den Gipfel nach nur 6 Stunden. 1600m tiefer sah ich meinen Ausgangspunkt im winzigen Hochlager.

Ein unfaßbarer Moment! Ganz Amerika lag zu meinen kalten Füßen. Ich hatte die Maschine unter Kontrolle und sie brachte mich so weit. Nun wußte ich wieder, warum ich immer auf die Gipfel steige. Diese Zufriedenheit, sich selbst soweit bringen zu können, sich so kontrollieren zu können, gab mir mehr, als nur der Gipfelerfolg.
Überglücklich und mit Tränen in den Augen sah ich dann auch noch, wie sich Andy unter mir immer höher trieb. Und dann hat auch er es geschafft. Stefan hatte es noch bis auf 6600m versucht, mußte dann aber die einzig richtige und schwerere Entscheidung treffen, seinen Füßen zuliebe umzudrehen. Jeder, der so kurz vor einem lange ersehnten Ziel stand, wird nachempfinden können, was es bedeutet umzudrehen. Somit alle Anstrengungen zu verwerfen, die einen erst soweit gebracht hatten. Am gleichen Tag noch stiegen wir bis zum Basislager auf 4200m ab, wo uns auch schon Werner erwartete. Auf dem Weg nach unten holte uns die Realität wieder ein als am Wegrand die Bahre mit dem toten Argentinier lag. In den nächsten Tagen wollten sie ihn abholen, um ihn auf seine letzte Reise zu schicken. Hier wurde mir wieder deutlich bewußt, daß Maschinen auch versagen und Entscheidungen auch falsch sein können.

Nützliche Infos:

Maultiere:

Rudy Parra - Aconcagua Trek
Guiraldes 246, Dorrego Mendoza, Argentinien

Telefon-Fax +54 261 431 7003

E-mails: aconcagua@rudyparra.com - info@lospuquios.com.ar

Literatur:

Eckehard Radehose, Traumberge Amerikas, Bergverlag Rother, München, ISBN: 3-7633-3006-2

Infos im www:

http://www.aconcagua.com/
http://www.rudyparra.com/
http://www.aconcagua.com.ar/principal_en.html
http://www.mt-aconcagua.com/

Kurzinfo:

Charakter:

Oft unterschätzter Gipfel. Technisch sehr leichte aber dennoch Konditions- fordernde Bergtour, die sehr stark von den herrschenden Wetterverhältnissen beeinflusst wird. Die andauernden und berühmten Höhenstürme machen selbst bei schönem Wetter eine Besteigung unmöglich. Die sehr oft mangelhafte Höhenanpassung hat gerade bei den geringen technischen Schwierigkeiten schon viele Opfer gefordert.


Anreise:

Von Medoza mit dem Bus ca. 190km nach Puente del Inca 2720m. Alternativ kann auch von Santiago de Chile (int. Flughafen) über den Paso de la Cumbre nach Puente del Inca angereist werden. Einige Zeit am Grenzübergang Chile/Argentinien einplanen. Von hier durch das Horcones Tal 40km zu Fuß ins Basislager Plaza de Mulas, 4230m.

Besteigungsdauer:

Ohne vorherige Akklimatisation ca. 10 -14 Tage

Beste Jahreszeit:

Mitte November bis Mitte März.