Auf dem 6130m hohen Razdelneja

Auf dem langen Weg zum Lager 1.

Beladen wird in Rußland von
hinten und vor allem selbst.

Der Mark von Osch bietet nahezu alles was das Herz begehrt.
Wildwasserfahrt per LKW.

Der erste Blick auf unser Ziel vom
Travelers Paß aus.
.

Freundlich und schüchtern.
Die Kids von nebenan. (Basislager)
Der technisch schwierigste Teil.
Die Überwindung der Spalten am
Fuß der Nordwand.
Die steilsten Passagen liegen
bei ca. 40°.
Auf dem Weg zum Lager 3
über den Razdelneja.
Das Wetter schlägt oft von einer Stunde zur andern um.
Michel auf dem 6130m hohen Razdelneja.
Imposannte Ausblicke in Richtung
Westen vom Lager 3.
Eigentlich nicht mehr weit zum Gipfel. Die Letzte Etappe vom
Lager 3 aus.
Der Aufstieg führ im Halbkeis von
links unten zu den Felsen in der
rechten Bildmitte um die
Spalten herum.
Materialtrocknen vor dem Aufbruch zurück ins Basislager.
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Pik Lenin, 7110m, Razdelneja, 6130m

 

 

 

 

 

 

Aufbruch in den Osten

Pik Lenin, 7134m, Kirkistan, Central Asien


Es war wieder einmal soweit. Wie schon gewohnt hieß es irgendwann einmal: Wer geht mit auf Expedition? Wie so oft stand dieses Mal allerdings die Frage im Raum: "Wer geht mit nach Rußland auf den Pik Lenin?".
Die Zustimmung kam recht schnell von Michel und nicht ganz so schnell von mir. Eigentlich wollte ich doch mal ein Jahr aussetzen.
Ich wollte mal in meinem Urlaub nicht nur von Tütenfutter und Pulvertrank leben. Ein schöner Kletterurlaub wäre doch auch mal wieder ganz nett gewesen, aber dem sollte halt nicht so sein. Also war wieder Organisieren angesagt. Diesmal hielt sich der Aufwand allerdings in Grenzen. Dadurch, daß die Einreise nach Kasachstan und Kirkistan nicht unbedingt einfach zu planen ist, tut man recht gut daran, sich einer Organisation anzuschließen. So auch wir. Wir buchten somit unsere Exkursion über das Österreichische Verkehrsbüro. Dies stellte sich auch bald als die richtige Entscheidung heraus. Der größte Teil der Tour war damit eigentlich schon organisiert. Es blieb jetzt nur noch das Persönliche zum Planen. Am 02.07.01 ging es dann los.

Unsere Anreise erfolgte 1h von Zürich nach Amsterdam, weiter in 6h nach Alma Ata, dann mit dem Bus 6h nach Biskek und gleich weiter mit dem Flugzeug (zumindest wurde das dort so bezeichnet) nach Osch.

Wir hatten dann schon bald mitbekommen, daß das Reisen in Russland als abenteuerlich bezeichnet werden kann. Abgesehen davon, daß unser gesamtes Gepäck im Flug nach Osch im Flugzeug zwischen den Passagieren verstaut wurde, der Pilot und seine Mannschaft zwischen Flugzeugdecke und Gepäck ins Cockpit klettern mußte, war es zwar abenteuerlich, aber auch mal etwas anderes.

In Osch gab es dann zunächst mal die erste Verschnaufpause, wenn man das so nennen konnte. Bei unserer Ankunft in Alma Ata hatte es noch ca. 25°C, und das um 2 Uhr Nachts. In Osch erwarteten uns rund ca. 40°C. Somit konnte im unklimatisierten Hotel nicht unbedingt von Erholung geredet werden. Gleich am nächsten Morgen rasten drei Bergtouris mit einer Dolmetscherin über den Oscher Markt, um noch die letzten Dinge zu besorgen, bevor es in die wilden Berge des Pamirs ging. Das Abenteuer nahm kein Ende. Unser Transportmittel bestand aus einem alten (uralten) Hamas LKW mit Wohnaufbau und Flugzeugsitzen. Daß die Karre aus allen Löchern rauchte und irgendwelche Flüssigkeiten aus so mancher Ritze liefen, sollten wir wohl ignorieren. Es waren ja wenigsten Räder dran. Unser Fahrzeug ließ bald die heiße verstaubte Stadt hinter sich und tauchte in die engen Täler des Pamirs ein. Für die letzten 250km mit diesem Gefährt sollten wir rund 8h benötigen. Aber schon nach einer Stunde kam der Eindruck auf, daß unser Gedärm in eine Wäscheschleuder geriet.

Die Straßenverhältnisse (sofern eine Straße vorhanden war) wurden immer schlechter. Die letzten 50km würden bei uns stellenweise unter der Kategorie "Gebirgsbach" eingestuft, maximal mit einem Kajak zu befahren.
Hier macht man das mit einem LKW. Aber wie schon beschrieben ist und bleibt es abenteuerlich. Man gibt sich hier ja auch alle Mühe dem verwöhnten Bergtouristen aus Deutschland etwas zu bieten. Endlich, nach 8h im Basislager angekommen, sammelten wir rasch unsere ganzen Gliedmaßen vom Boden auf, um wenigstens den Eindruck zu erwecken, daß dies alles einem gestandenen Bergsteiger aus Deutschland nichts ausmacht.

Die Lagerbesatzung stand uns gleich hilfreich zur Seite, was für ein Service. Garek, der Lagerchef, wies jedem gleich sein Zelt zu. Jetzt war erstmals Ausruhen angesagt. Die Temperaturen befanden sich, beim mittlerweile graubewölkten Himmel, auch im wesentlich angenehmeren Bereich. Aber schon recht bald bekam man zu spüren, daß wir uns schon auf 3800m befanden. Die Atmung wurde schwerer und kleine Tätigkeiten anstrengender. Es wurde sehr kalt, und als es dann auch noch zu graupeln anfing, wurde auch dem Letzten von uns klar, daß wir in den Bergen angekommen sind.

Der Service und die Freundlichkeit im Lager überraschte uns ja schon, aber damit nicht genug, uns wurde ein 4-Gänge-Menü aufgetischt, das seines Gleichen sucht. Von wegen Tütenfutter. Frisches Gemüse, Salat und Obst. Daß dies alles mit soviel Komfort von statten ging, hat uns alle schon schwer beeindruckt. Obwohl das Wetter zunächst so fragwürdig blieb, brachen wir nach einer kurzen Einweisung über die Verhältnisse am Lenin auf zum Travellers Paß, eine ca. 1-2 stündige Wanderung zur Akklimatisierung. Außer daß Rolf und Michel den schon oft zitierten Dünnpfiff kassierten, ging es allen soweit noch ganz gut. Vom Paß aus bestiegen wir noch schnell einen kleinen Gipfel und schon ist der erste 4000er gefallen. Aber das ist ja hier nichts Besonderes, die stehen im Pamir an jeder Ecke. Damit der geplante Aufstieg zum Lager 1 am nächsten Tag nicht gleich so stressig werden sollte, brachten wir schon etwas Gepäck zum Deponieren auf den Paß.

Gegen Abend ging es dann wieder runter ins Basislager, wo die dampfende Suppe schon auf uns wartete. Am nächsten Morgen brachen wir dann schon ins Lager 1 auf. Schneller als am Vortag liefen alle bei zunehmend besserem Wetter hinauf zum Pass und gleich wieder steil hinunter auf den Gletscher. Schon hier wußten alle, daß diese Passage auf dem Rückweg eine Härteprobe werden würde. Im rutschigen Geröll ging es ca. 200m hinab. Grobes Geröll führte uns dann entlang dem Gletscher auf flaches schneefreies Eis. Der Weg zog inmitten dieses großen Eisstroms immer weiter unter die Nordwand des Pik Lenin. Sie überragt nahezu 3000m, direkt zum Gipfel. Da kam auch gleich der Gedanke "Oh Man, hätten wir doch nur die Ski mitgenommen". Aber in Anbetracht dessen daß wir zu unserem Gepäck auch noch die Skiausrüstung hier hoch tragen müssten, war der Gedanke auch schnell wieder vergessen.

Es erschien uns unendlich lang bis sich das Lager hinter einigen Spalten auf einer Moräne auftat. Wir befanden uns unter den ersten Gruppen in dieser Saison, somit konnten wir nicht auf gute Spuren hoffen. Dies würde den Aufstieg nochmals etwas erschweren. Unsere Leute von Thin Shan Travell errichteten auch erst jetzt die ganzen Lager. Es war sehr deutlich, daß sie langsam in Hektik verfielen, da sie selbst auch erst anreisten und selbst noch nicht gerade gut akklimatisiert erschienen.

Nach ca. 4 ½ -5 Stunden war es geschafft, das Lager war erreicht. Was wir nicht wußten, hier wurden auch gleich Zelte für uns aufgeschlagen. Unsere Lager Crew machte sich wieder ans Kochen. Völlig ungewohnt von den bisherigen Expeditionen, war es uns schon sehr peinlich, daß die alles für uns organisierten. Nachdem wir wieder einmal sehr gut gegessen hatten und unser Gepäck in den Zelten verstaut war, hieß es wieder absteigen zum Basislager. Immerhin war noch einiges an Gepäck dort unten. Es bestand zwar die Möglichkeit Träger zu nehmen, aber dies war, wie schon oft bewährt, die ideale Akklimatisierung: etwas in ein höheres Lager tragen und zum Übernachten in die tieferen Regionen absteigen.

Also wieder den Gletscher hinunter, die steile Gletschermoräne hinauf und auf der anderen Seite ins Basislager hinab. Nach 2 ½ Stunden saßen alle wieder in der Jurte des Basecamps. Der dritte Tag am Berg. Die noch verbleibende Ausrüstung wurde zusammengepackt und hinauf zum Lager 1 getragen. Dieses Mal hoffentlich auch zum letzten Mal.

Der Weg erschien nun wesentlich angenehmer kürzer. Auch das Wetter besserte sich von Tag zu Tag. Allerdings wußte bald keiner mehr so richtig, was eigentlich besser war. Schlechtes Wetter, - und wenig Sicht aber angenehme Temperaturen - oder gutes Wetter, und eine unerträgliche Hitze. Sobald die Sonne herauskam, wurde die Strahlungswärme extrem unangenehm. Das sollte uns weiter oben dann auch noch deutlicher werden, mit solchen Temperaturen hatte keiner gerechnet. Der vierte Tag. Heute sollte schon etwas Gepäck ins Lager 2 gebracht werden. Michel und ich machten uns auf den Weg durch die Spaltenzone, am Fuße der Lenin Nordwand.

Es war sicherlich der technisch schwierigste Teil, wobei sich auch dieser sehr in Maßen hielt. Die Schwierigkeiten bestanden einzig nur in der Überwindung der einzelnen, mitunter tiefen, respektvollen Spalten. Unsere Lagerbesatzung hatte am Vortag schon die größten Spalten mit Fixseilen abgesichert. Somit konnten wir uns einfach einklinken und gesichert zur Tat schreiten. Als wir allerdings dann an der ersten und auch größten Spalte beim Sicherungspunkt der Seile ankamen, traute ich meinen Augen kaum, als ich sah wie das Seil befestigt war. Eine eigentlich schon ausgediente Eisschraube schaute schon zur Hälfte aus dem sehr aufgeweichten Gemisch aus Eis und Schnee. Einen Sturz hätte dieses Ding nicht ausgehalten. Anscheinend gehen hier die russischen und deutschen Meinungen bezüglich Sicherungstechnik etwas auseinander. Den Schrecken schnell verdrängt, stiegen wir weiter den ersten Teil der Nordwand hinauf bis auf ca. 5300m. Dort querte die Spur leicht abfallend zum Lager 2 hinüber. Sehr frustrierend war daß es eben bergab ging. Diese große Senke mußte somit auf dem Rückweg wieder aufgestiegen werden. Es befanden sich gerade mal zwei Zelte im Lager. Eines von einem einzelnen türkischen Bergsteiger, und eines von unserem Lager. Unsere Leute bauten selbst in jedes Hochlager einen Stützpunkt, um im Notfall schnell reagieren zu können. Wie schon beschrieben wurden wir immer wieder über die Leistungen überrascht, die bei der Buchung bei Thin Shan Reisen angeboten wurden.
Solch eine Betreuung und Service war schon fast beschämend. Nachdem das Zelt aufgebaut und befestigt war, ließen wir es mit einiger Ausrüstung zurück und stiegen wieder zu Rolf ab, der diesen Tag noch als Ruhetag für sich nutzte.
Der fünfte Tag. Heute drehten wir den Spieß um, Rolf mußte rauf, Michel und ich blieben unten. Rolf hing sich an zwei Österreicher, die heute auch zum ersten Mal ins Lager 2 aufsteigen wollten. Als die Temperaturen langsam aber sicher heißer wurden, konnten wir sehr gut nachempfinden, wie sich die Jungs dort oben in der Wand fühlten. Die kleinen schwarzen Punkte in dieser riesigen Wand kamen nur sehr langsam voran. Doch nach einiger Zeit löste sich ein Punkt von den anderen. Es war Rolf, er lief allen voraus. Scheinbar hatte er sich jetzt an die Höhe gewöhnt.

Nun endlich am fünften Tag sollte es hoch auf 5300m zum Übernachten gehen. Der Aufstieg ging relativ schnell und machte keine Probleme. Erst ab der Querung zum Lager 2 brannte die Sonne unerbittlich. Als dann auch noch der Wind wegblieb, wurden die restlichen Meter zum Lager zur Qual. Die Strahlungswärme dörrte den Körper regelrecht aus. Jeder Wille etwas zu leisten verdampfte in der Luft. Selbst nachdem wir das Zelt erreicht hatten, wurde es nicht besser. Es ging kein Lüftchen. Im Zelt stiegen die Temperaturen auf Backofenniveau. Es konnte sich keiner vorstellen hier länger zu bleiben. Doch nach langem geduldigem Warten, kam dann die rettende Dunkelheit. Aber es sollte es noch lange nicht ausgestanden sein. Als ich gerade in den so wohlverdienten Schlaf fallen wollte, schreckte Michel auf und rang um Luft. Auch bei Rolf schien etwas nicht zu stimmen. Wie sich später herausstellte, bewirkt das Medikament, das die beiden gegen den Durchfall eingenommen hatten, Atemaussetzer beim Einschlafen. Sobald sie einschlafen wollten, reduzierte sich ihre Atemfrequenz drastisch, So daß sie um Luft ringend wieder hoch schreckten. Also blieb für diese Nacht nichts weiter übrig, als sie wach zu überstehen.

Irgendwann war auch das überstanden. Der Morgen begrüßte uns wieder mit einem strahlend blauen Himmel. Es war nur die Frage, ob das in Anbetracht der Hitze auch so gut war. Trotz der durchlittenen letzten Stunden, machten wir uns bald auf den Weg ins Lager 3, um einiges Material hoch zu schaffen.
Ab cirka 5900m zeigte sich dann, daß auch der Pik Lenin seine stürmischen Seiten haben kann. Der Aufstieg zum 6130m hohen Razdelneja erwies sich ausgesprochen anstrengend. Der Schnee war noch sehr locker und tief. Zwei Schritte voraus bedeuteten oft wieder einen zurück. Der Puls schoß in die Höhe und der Wille zur Umkehr wuchs. Dennoch, nach ca. 4 Stunden standen wir zu dritt oben. Mit 6130m war er der bisher höchste Gipfel für Rolf und Michel. Allerdings forderte unsere Verfassung auch bald eine schnelle Umkehr.

Am gleichen Tag machten wir uns dann noch an den Rückweg ins Lager 1. Dort sollte sich jeder von uns noch einmal so richtig erholen, bevor es dann wieder möglichst in einem Zug in die jeweiligen Lager und anschließend Richtung Gipfel gehen sollte. Zumindest war es so geplant. Doch kommt es ja meistens anders als man denkt. Schon beim Abstieg zum Lager 1 verschlechterte sich das Wetter und das Drama nahm seinen Lauf.

Da sich Rolf in der Höhe doch noch nicht so richtig gut fühlte, stieg er am nächsten Tag sogar noch ins Basislager auf 3800m ab, um sich möglichst gut zu erholen. In dieser darauf folgenden Nacht brach ein Sturm über uns herein, der seines gleichen suchte. Im Lager 1 wurden die Zelte reihenweise abgerissen und teilweise zerstört. Mitten in der Nacht wurde auch mir das Zelt über dem Kopf weggerissen und der klare stürmische Sternenhimmel öffnete sich über mir.

An ein erneutes Aufstellen der Zelte war nicht mehr zu denken.
Wir brachten alles ins Küchenzelt das zu diesem Zeitpunkt noch stand. Auf besseres Wetter hoffend, kauerten wir in ein windgeschütztes Loch. Und wieder hofften alle auf den nächsten Morgen.

Der Morgen kam und mit ihm auch Rolf aus dem Basislager.
Wir entschlossen uns dazu, am nächsten Tag den Aufstieg von Lager zu Lager in Richtung Gipfel zu beginnen. Doch wie sollte es auch anders sein, wieder verschlechterte sich das Wetter in der Nacht. Allerdings wurde es nicht mehr so stürmisch, sondern es fing heftig an zu schneien.

Also war wieder Abwarten angesagt. Es schneite auch noch den ganzen nächsten Tag weiter. Ein Versuch trotz schlechtem Wetter Aufzusteigen wurde mit Blitz und Donner bestraft und somit abgebrochen. Die Luft war so aufgeladen, daß die Ausrüstung zu singen anfing, ähnlich wie bei Regen unter einer Hochspannungsleitung. Als ob das nicht genug wäre, mußten wir dann noch die Botschaft von absteigenden Bergsteigern erfahren, daß unser Zelt mit samt schwerer Ausrüstung im Lager 2 weggefegt wurde. Nun drohte das ganze Unternehmen zu Scheitern. Mittlerweile war die Zeit schon so fortgeschritten, daß es nur noch darum ging, die Ausrüstung zu bergen. Der Gipfel wurde jetzt schon fast zweitrangig. Beim ersten richtigen Schönwetterfenster machten sich alle auf den Weg, um ins höhere Lager aufzusteigen. Alle anderen Expeditionsgruppen warteten diese Schlechtwetterphase ab. Aber dann war der Andrang groß. Da wir die Einzigen waren, die sich schon zuvor höher aufgehalten hatten, holten wir recht schnell die Karawane ein. Rolf spurte einen neuen Weg zu Lager 1. Dort fanden wir unser Zelt völlig zerstört am Gletscher auf. Die gesamte Ausrüstung war mit Schnee durchmischt.

Nach dem Ausgraben kam der Eindruck auf, als wäre im Zelt eine Bombe explodiert. Einige Essenspackungen lagen aufgeplatzt inmitten von Schmelzwasser, Kleidungsstücken und Ausrüstungsteilen wild verstreut auf dem Zeltboden. Mühsam mußte alles auseinander gepflückt werden. Nach dem alles einigermaßen sortiert war, verschlechterte sich wie zu erwarten das Wetter erneut. Dennoch entschlossen sich Rolf und Michel gleich noch weiter hinauf ins Lager 3 zu steigen, um evtl. dort noch die Ausrüstung zu bergen.

Ich wollte im Lager 2 auf sie warten. Mir hatten die letzten stürmischen Nächte mit Husten und Schnupfen zugesetzt. Mit Funk und GPS ausgerüstet zogen die beiden weiter. Nach einiger Zeit kam der ersten Funkspruch. Die Sicht ist nahezu Null und der Schnee noch tiefer als beim ersten Mal, aber sie versuchen es mit dem GPS weiter. Endlich, nach langem Warten, rief dann Rolf durch, daß sie jetzt wieder runter kommen. Sie haben schon die ganze Zeit ohne Erfolg nach dem Depot gesucht und nichts gefunden. Der Sturm muß auch dieses Lager auseinander genommen haben. Ich empfing sie mit einer deftigen Suppe, bevor wir uns dann wieder mit der verbleibenden Ausrüstung auf den Rückweg ins Lager 1 machten. Als ob sich der Berg einen Spaß mit uns machte, wechselte mitten im Abstieg das Wetter wieder zu einer schönen Abendstimmung.

In der Dämmerung wurden wir schon im Lager erwartet. Es blieben uns nur noch drei Tage, und es war kein Lager mehr vorhanden, auf das wir hätten zurückgreifen könnten. Die einzige Chance bestand nur noch darin, alles in einem Rutsch zu versuchen. Da aber die Lawinengefahr extrem anstieg, der tiefe Schnee so oder so alles fordern würde und den Erfolg sehr in Frage stellte, entschieden wir uns für den Abstieg ins Basislager. Dies bedeutete somit den Abbruch der Expedition. Auf dem Weg ins Basislager, kamen uns immer mehr hoffende Teams entgegen, die ihr Glück in den nächsten Tage und Wochen versuchen wollten. Im Lager wurden wir freudig empfangen und am Abend mit einer Razdelneja Gipfeltorte wieder aufgemuntert.

Aus Berichten anderer Bergsteiger, die nach uns am Lenin waren, hieß es, daß die Saison 2001 im Gesamten eine sehr schlechte zur Besteigung war.

Dennoch war es diese Erfahrung wert. Einen Dank ist an dieser Stelle unserer Lager Mannschaft von Thin Shan Travel auszusprechen. Sie hatten uns das Leben trotz schlechter Verhältnisse so angenehm wie möglich gestaltet. Es wurde uns eine seltene Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen gebracht.


Weitere nützliche Infos:

Beim Flug von Biskek nach Osch sind nur 15kg Freigepäck erlaubt. Für den Rest muß eine Übergepäckgebühr bezahlt werden. Diese ist allerdings extrem billig (25kg ca. 20-30DM). Die Grenzüberscheitungen und Polizeikontrollen wurden nie zu einem Problem. Aufgrund der guten Organisation waren immer alle nötigen Papiere in mehrfacher Ausführung vorhanden. Zusätzlich benötigtes Geld ist fastausschließlich vom Bier und Colakonsum im Basislager abhängig. Sascha verlangt da schon richtig Geld dafür (3-5$ / Flasche). Aber man gönnt sich ja sonst nichts.


Ansonsten brauchten wir nur Geld für persönliche Einkäufe und das Übergepäck. In meinem Fall gerade mal 100$ für die ganze Reise. Der Preis für die gesamte Organisation beim Österreichischen Verkehrsbüro lag inkl. Visa für Kasachstan und Kirkistan bei etwas über 4200DM.

Was für uns nicht klar war, die Vollverpflegung nicht nur im Basislager sondern auch im Lager 1. Genauso, daß die gestellten Zelte in beiden Lagern vorhanden waren. Dolmetscher standen uns während der gesamten Hin- und Rückreise zur Seite. Dieses vereinfachte viele Dinge deutlich, da Russisch nicht gerade unsere Stärke war.

Als Zeitbedarf für die gesamte Tour sollten mindestens 20 Tage veranschlagt werden. Mehr ist immer gut wie sich heraus stellte. Das Wetter kann doch auch für einige Tage umschlagen. Wir hatten ganze 16 Tage am Berg, was eigentlich mit ca. 4 Reservetagen ausgereicht hätte.

Infos im www:

Österreichisches Verkehrsbüro

http://www.verkehrsbuero.at/


Kurzinfo:

Charakter:

Technisch wenig anspruchsvoller 7000er. Ideal um das Expeditionsbersteigen kennen zu lernen. Die gute Organisation und die große Anzahl potentieller Ersteiger erleichtern den Aufstieg durch meist vorhandene Spuren. Die Organisation der ansässigen Reiseunternehmen ist sehr gut und hilft einem unerfahrenen Alpinisten immens. Die einzige Gefahr besteht im Gipfelbereich in schlecht Wetter und vor allem schlechte Sicht zu geraten. Die Flachen, weitläufigen Hänge bieten wenige Orientierungsmöglichkeiten.

Anreise:

Mit dem Flugzeug nach Almaty (Alma Ata) in Kasachstan. Weiter per Bus nach Biskek. Von Dort wiederum per Inlandsflug nach Osch in Kirkistan. Von ort mit dem LKW in ca. 8 - 10 Stunden ans Basislager, 3800m.

Besteigungsdauer:

Bei guten Wetterverhältnissen 2 - 2 ½ Wochen.

Beste Jahreszeit:

Anfang Juni bis Mitte August