Büßereis im
Marmolejogletscher
All Abendliches Bild:
Gipfelsturm
Auf dem eisigen Gipfel

Das Team:

Stefan Kaul, Werner
und Jürgen Roth
Andreas Weber

Gipfelblick vom Hochlager
auf 4900m
Ref. Aleman
Bericht drucken

Marmolejo, 6110m

 

 

 

Unterwegs am südlichsten 6000er

Marmolejo, 6110m, Chile, Südamerika


Etwas komisch kam es mir ja schon vor. Vor kurzem stand ich noch mitten im Schneematsch des süddeutschen Vorwinters, und nur einige Stunden später schwitze ich mir in Santiago de Chile innerhalb kürzester Zeit das T-Shirt durch. Aber so ist das: dann, wenn die Bergsaison auf der südlichen Erdhalbkugel losgeht, schlägt in good old Germany der Winter richtig zu.

Geplant war die Besteigung des 6110m hohen Marmolejo. Er diente uns als
Akklimatisationstour für eine anschließende Aconcagua Besteigung. Daß dieser
Berg aber nicht nur eine Eingehtour für höhere Ziele sein soll, sondern für sich schon allein eine ernsthafte Unternehmung darstellte, wurde uns später recht schnell klar. Der Marmolejo ist der südlichste 6000er der Erde. Dennoch tummeln sich hier bei weitem nicht die gleichen Bergsteigermassen, wie an so manch anderem Bergriesen der Andenkette. Im Gegenteil, während unserer Tour hätten wir gerne mal andere Gesichter um uns herum gesehen. Südöstlich von Santiago, im Cordon San José am Ende des Maipo Tals, liegt der Ausgangspunkt für die Besteigung des Marmolejo.

Inmitten einer bizarren Urlandschaft, im Gradverlauf des noch aktiven Vulkans San José, verläuft die Grenze zwischen Chile und Argentinien direkt über seinen Gipfel. Seit der Erstbesteigung 1928 hat sich hier allerdings nur wenig in Sachen Bergsteigen getan. Hier trifft man noch auf eine faszinierend wilde Berglandschaft, die nicht durch Massentourismus geprägt und somit auch nicht verschandelt wurde. Das hatte aber auch seinen Preis. Der über 30 km lange Zustieg über weglose Geröllhalden, staubige Hochtäler und reißende Flüsse machte es einem nicht gerade leicht. Uns wurde der Name "Marmolejo" als "far away" übersetzt. Das sollten wir auch noch hautnah zu spüren bekommen.

Die eigentliche Reise begann für uns am Internationalen Flughafen von Santiago. Dort angekommen wurden wir zunächst erst einmal gründlich durchsucht. Bei dieser Aktion fielen auch gleich unsere mitgebrachten Salami- und Schinkenvorräte der Zollbehörde zum Opfer. Es gab keine Diskussion, Einfuhrverbot bleibt Einfuhrverbot, egal ob vakuumverpackt oder nicht. Aus einem der Büros wurde gleich "Pizza, Pizza" gerufen. Somit mußten wir ohne unseren bewährten Leckerbissen weiterziehen, um einen fahrbaren Untersatz zu organisieren. Dieser sollte uns dann in das ca. 70km entfernte Val Maipobringen.

Das ist schneller erledigt als gedacht. Kaum waren wir durch die
Zollabsperrungen durch, wurden wir schon auf ein Taxi angesprochen.

Ein Minibus brachte uns auch noch für relativ wenig Geld direkt zum
Ausgangspunkt, dem 1980m hoch gelegenen Refugio Aleman.
Diese Hütte des DAV (Deutscher Anden Verein) ist sicherlich eines der bequemsten Lager im ganzen Talort. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und es erschien wie eine kleine Oase in dieser steinigen und sehr staubigen Umgebung. Inmitten von Bäumen, Sträuchern und Blumen steht diese Hütte. Hier war die letzte Gelegenheit nochmals das ganze Material zu kontrollieren und alle überflüssigen Ausrüstungsteile auszusortieren. Da ab hier alles selbst getragen werden mußte, entwickeln wir uns zu regelrechten Minimalisten. Für die ganze Besteigung berechneten wir ca. 7 bis 8 Tage, da kam doch schon einiges an Material zusammen. Am nächsten Tag war es soweit. Das erste Stück des langen Aufstiegs ersparen wir uns durch ein paar Dollar. Der Hüttenwart fuhr uns mit seinem Toyota noch einige Kilometer eine alte Minenstraße hinauf, bis es dann wirklich mit der Schinderei losgeht.

Anfangs stiegen wir über einen kleinen Hirtenpfad hinauf zu einem Hochplateau am Fuße des Vulkans San José. Hier endeten dann die letzten grünen Flecken in der Landschaft bevor es durch wegloses Gelände zum ersten Lager auf 3000m ging. Die Einöde der Landschaft hatte allerdings auch ihren besonderen Reiz. Das Vulkangestein brachte die unglaublichsten Formationen und Farben zum Vorschein. Der anstrengende Weg wurde zur geologischen Erlebnistour.

Wir beschlossen, die erste und längste Etappe mit dem gesamten Gepäck zu bewältigen. Erst dann sollte es im altbewährten Stiel weiter gehen. Einen Teil des Materials am ersten Tag höher schaffen, absteigen, und am nächsten Tag wieder mit dem Rest aufsteigen, um dort zu schlafen. Auf diese Weise wurden die Lasten nicht nur erträglicher, sondern die Akklimatisation verbesserte und beschleunigte sich. Um so weiter es in die Hochtäler hinein-ging, desto seltener wurden die Spuren anderer Bergsteiger vor uns. Ein ungewohntes, aber sehr eindrückliches, einsames Gefühl umschlich uns. Der für Berge dieser Art typische Aufstieg durch grobes und feines Gestein, forderte oft die ganze Konzentration und Psyche. Jeder Schritt im losen Gestein forderte die doppelte Kraft. Die Schwerkraft und der Berg stemmen sich regelrecht gegen uns.

Da es keinerlei detailliertes Kartenmaterial von dieser Gegend gab, suchten wir uns täglich den bestmöglichen Weg selbst heraus. Unser eigentliches Basislager schlugen wir auf 4200m, am Rande des Marmolejo Gletschers, auf. Am vierten Tag unserer Tour erreichten wir dieses schon recht hoch gelegene Lager. Von hier reicht zum ersten Mal der Blick über die weitläufigen Täler dieser Gebirgskette. Das Maipo Tal und die Hütte erschienen eine Ewigkeit entfernt. Um uns herum ragten die Vier- und Fünftausender dieser Region auf. Keiner dieser Berge hatte besonders viele Besteigungen aufzuweisen.

Ab hier wurde es wirklich steil. Die hartgefrorenen Steinhalden wechselten sich mit großen "Büsereisfeldern" ab. Der Name "Büsereis" mag wohl aus den Qualen hervorgehen, die beim durchschreiten dieser Eisflächen zu erleiden sind.
Windzerschlissene Schnee- und Eisreste die zu Tausenden, scharfkantigen Messer gleichen Gebilden heranwuchsen. Die technische Anspruchslosigkeit des Berges soll keinesfalls den Gedanken an eine leichte Besteigung aufkommen lassen. Hier wurden die psychischen und physischen Kräfte von jedem auf eine harte Probe gestellt. Mit zunehmender Höhe mußten wir mit immer tieferen Temperaturen und vor allem mit extremerem Wind kämpfen.

Unser Hochlager wurde auf 5200m mit direktem Blick zum 1200m hohen Gipfelaufbau errichtet. Der flach aufsteigende Gipfel ließ jeden Zweifel über ein Scheitern verschwinden. Es sah alles zum Greifen nah aus. Der nächste, nunmehr sechste Tag sollte alles entscheiden. Frühmorgens erwachten wir in eisiger Kälte. Die Sterne funkelten in voller Pracht über unserm Zelt. Mit leichtem Kopfweh machten sich alle fertig. Die anfängliche Euphorie über ein schnelles und einfaches Weiterkommen wurde schnell gedämpft. Die windgepressten Schneefelder ließen uns oft bis zu den Hüften einsinken. Die Kräfte wurden regelrecht aus den Füßen gesaugt. Aber damit nicht genug. Der Wind wurde immer stärker, und entwickelte sich zu einem Orkanartigen Höhensturm. Die berüchtigten Stürme dieser Region entscheiden oft über Erfolg und Mißerfolg der Besteigung. Die kahlen, weiten Hänge boten keinerlei Schutz. In dieser klaren Luft erschien die Distanz zwischen dem Gipfel und uns nur einen Steinwurf entfernt. Aber wir kamen nur langsam und schleppend weiter.

Das Land unter uns öffnete sich immer weiter. Der Blick wurde nur noch durch den weit entfernten Horizont begrenzt, hier wurden alle Mühen belohnt. Nun konnte man auch unser nächstes Ziel, den 6959m hohen Aconcagua in der Ferne erblicken. Zu diesem Zeitpunkt wollte allerdings noch keiner so recht daran denken. Dann endlich, nach einem weiteren unscheinbaren Hügel, ging es nicht mehr weiter. Es war geschafft. Nach sechs Tagen und unzähligen Flüchen standen wir oben. Was für ein Gefühl!

Nach einigen Fotos trieb uns der eisige Wind jedoch wieder hinunter. Der Abstieg forderte nochmals alle Kräfte. Das Geröll war zu hart gefroren, als daß man einfach so abwärts stolpern könnte, eine Totour für die Zehen. Nach einer weiteren Nacht im Hochlager ging es dann wieder ganz hinab. In einem Tag bis auf 2400m zum weit entfernten, noch grüner erscheinenden Hochplateau. Es war bisher immer das Gleiche: Erst am Ende einer großen Tour kann das Erlebte so richtig genossen werden. Was man nicht alles auf sich nimmt, um solch ein Gefühl zu erleben. Abgekämpft und müde erreichten wir am achten Tag das Refugio Aleman, wo alle bei einem Festessen die Strapazen vergaßen. So ließ sich der Blick zum weit entfernten Marmolejo ehrfürchtig genießen. Keiner dachte daran, in einigen Tagen schon ein höheres Ziel anzustreben.


Nütliche Infos:

Unterkunft:

Zeltplatz in Banos Morales
oder los Valdes. Ref. Aleman in Los Valdes,
Fax: (562)2320476,
E-Mail: Terrainc@entelchile.net
Casilla 92, Cerreo 30 Vitacura, Santiago, Chile


Zusätzliche Tips:

US-Dollars sind überall akzeptiert und willkommen. Mulis für den ersten Streckenabschnitt sind bei Bedarf in Los Valdes für einige Dollar erhältlich. Kartenmaterial über die Region ist nur schwer erhältlich. Die Infos des Hüttenwirts auf der Ref. Aleman reichen im Allgemeinen aus.

Literatur: Eckehard Radehose, Traumberge Amerikas, Bergverlag
Rother, München, ISBN: 3-7633-3006-2

Kurzinfo:

Charakter:

Einsame Vulkanbesteigung mit wenigen Technischen Schwierigkeiten. Die Wegfindung ist oft nicht einfach und fordert einen ausgeprägten Spürsinn. Der Gipfelaufbau ist vergletschert. Je nach Routenwahl können einige Spalten angetroffen werden. Typisch für die Besteigung von Vulkanen ist das steht's präsente Geröll das dem Aufstieg sehr viel Konzentration abverlangt.

Anreise:

Von Santiago de Chile (int. Flughafen) per Minibus in ca. 6 Stunden nach El Vulkan und weiter nach Los Valdes an das Ende des Val Maipo zur Ref. Aleman. Direkte Busverbindung von Mendoza und Santiago bestehen zwei mal täglich. Fahrpreis zwischen 40$ und 80$ je nach Gesellschaft. Vom Internationalen Flugplatz Santiago besteht die Möglichkeit mit dem Minibus zum Ref. Aleman zu fahren. Preis ca. 150$ für vier Personen inkl. Gepäck. Fahrzeit zwischen 4-6 Stunden je nach Verkehr und Fahrer.


Besteigungsdauer:

Je nach Witterung und vor allem Windverhältnissen 6 - 10 Tage

Beste Jahreszeit:

Anfang Dezember bis Mitte März.