ACONCAGUA 6964M

Höchster Berg Südamerikas

ENTSCHEIDUNG AUF DEM DACH DER WESTLICHEN WELT

Hoch hinaus wollen in Südamerika viele. Auch
diejenigen die eigentlich in dieser Welt der Berge
gar nichts verloren haben. Der Arconcagua zählt
mit seinen 6959m als höchster Berg von
Südamerika. Er ist ebenfalls der höchste Berg des
gesamten Nord- und südamerikanischen Kontinents
und außerhalb des Himalayas. Somit ist es also
auch nicht verwunderlich, daß sich gerade an
diesem Berg sehr viele Menschen tummeln.
Allerdings sollte man meinen, daß es sich bei einem
so bedeutenden Berg überwiegend um erfahrene
Bergsteiger handele.
Aber schon bei unserer Ankunft in Puente del Inka
merken wir recht schnell, daß es sich hier um ein
bunt gemischtes Klientel handelt. Der 2700m hoch
gelegene Ort Puente del Inka ist der Ausgangspunkt
für alle diejenigen, die den Berg auf einer seiner
sehr unterschiedlichen Routen besteigen wollen.
Nahe an der chilenisch - argentinischen Grenze
liegt dieser kleine Ort direkt an der
Hauptverbindungsstraße zwischen den beiden
Staaten. Hier können die letzten Vorbereitungen für
die Besteigung abgeschlossen werden, bevor das
ganze Gepäck per Maultier zu den weit entfernten
Basislagern transportiert wird. Der Berg bietet sehr
unterschiedliche Besteigungsmöglichkeiten.
Angefangen von der technisch leichtesten
Normalroute über die Nordflanke, die damit auch
von den meisten angegangen wird, besteht
weiterhin die Möglichkeit, über die Ostflanke oder
die berühmte 3000m hohe Südwand aufzusteigen.
Welcher Weg auch immer gewählt wird, wirklich
leicht ist keiner an diesem Bergriesen. Der häufig
unterschätzte Normalweg ist schon unzähligen
Besteigern zum Verhängnis geworden. Die
Verhältnisse sind nur selten gut. Auf Grund seiner
exponierten Lage herrschen nahezu immer extreme
Winde und schnell wechselnde Wetterverhältnisse
vor.
Die Temperaturen schwanken rasch und unerwartet
zwischen schweißtreibender Hitze und polarer
Kälte. Diese Tatsache wird oft auf den technisch
anspruchsloseren Wegen vernachlässigt. Jährlich
versuchen bis zu 3000 Menschen den fast 7000er zu
besteigen. Allerdings schaffen es gerade mal 15 -
20% auf den Gipfel. Oft ist mangelnde Erfahrung
oder unzureichende Ausrüstung das Ende eines
Traumes oder der Beginn von so manchem
Alptraum. Wir lassen uns recht schnell von den
vorherrschenden Wetter- und Windverhältnissen
belehren und drosselten unsere Erwartungen und
den Wunsch, die Besteigung über eine der
Südwandrouten zu versuchen. Hier werden
Fehlentscheidungen gleich zum Verhängnis.
Wir, das sind Stefan ,Andy, Werner und ich. Außer
Werner, meinem Bruder sind alle erfolgreiche Mt.
Mc Kinley Besteiger und somit auch mit
ausreichender Expeditionserfahrung gerüstet.
Am 14.12.98 ziehen also auch wir zum 40 km
entfernten Basislager los. Uns erwartet eine
unwirkliche, trockene Wüstenlandschaft. Der Weg
zieht sich durch unendlich scheinende Hochtäler
immer weiter in die wilde Landschaft der Anden.
Für einen europäischen Bergsteiger eine sehr
ungewohnte Umgebung. Dennoch bietet diese
windige und staubige Einöde viele imposante
landschaftliche Eindrücke. Die
Gesteinsformationen und Farben wechseln in dieser
vulkanischen Urlandschaft mit fast jedem Meter.
Oft läßt nur der starke, mitunter eisige Wind es
nicht zu, all diese schönen Formationen zu
genießen. Statt dessen zieht man lieber die Mütze
herunter und stemmt sich mit aller Kraft gegen den
Wind, um wenigsten etwas voran zu kommen.
Nach zwei Tagen im Basislager angekommen
begegnete uns wieder das übliche Völkergemisch,
das wir schon von anderen Lagern kennen. Gerade
auch das macht eine solche Unternehmung erst
richtig reizvoll. Hier kommen die ganzen Wünsche
und Träume der Bergsteiger und solcher, die es
noch werden wollen, aus der ganzen Welt
zusammen. Die Faszination und der „Virus"
Bergsteigen scheint grenzüberschreitend zu sein.
Aber kaum einen Tag im Lager angekommen,
eröffnen sich schon die Schattenseiten dieser
besonderen Lebensweise eines Bergsteigers. Im
über fünftausend Meter hoch gelegenen Nido di
Condores hat es einen Unfall gegeben. Eine
argentinische Gruppe ist in Folge von akuter
Höhenkrankheit verunglückt. Einer der
Expeditionsmitglieder stürzte über Felsen ab, kam
aber mit einigen Verletzungen davon. Sein
Kamerad verirrte sich zwischen Hochlager und
Gipfel aufgrund seiner Höhenkrankheit und erfror.
Mit dem Wissen um solche Ereignisse in
unmittelbarer Umgebung geht einem schon sehr
viel über Sinn und Unsinn solcher Expeditionen
durch den Kopf. Aber mit vollem Vertrauen in sein
eigenes Handeln und dem Wissen, erfahrene
Bergsteigerkollegen mit sich zu haben, werden
solche negativen Eindrücke schnell verdrängt.
Daher machen wir uns auch schon am
darauffolgenden Tag auf den Weg, einiges Material
ins Hochlager auf 5400m zu schaffen. Da wir
einige Tage zuvor schon auf dem Marmolejo in
Chile, dem südlichsten 6000er der Erde standen,
machte uns die schnelle Vorgehensweise nichts aus.
Eine gute Akklimatisation ist an solchen Bergen der
Schlüssel zum Erfolg. Dies ist eigentlich eine gut
bekannte Regel bei Unternehmungen dieser Art,
dennoch scheinen viele diese nicht zu beachten.
Wir bewegen uns nach der altbewährten Methode
„carry high sleep low" an einem Tag hoch zum
ersten Hochlager, um gleich wieder abzusteigen
und die Nacht im tieferen Basislager zu verbringen.
Unsere gute Akklimatisation läßt zu, daß wir schon
am vierten Tag am Berg in das 5400m Lager
aufsteigen konnten, um dort auf eine gute
Besteigungsmöglichkeit zu warten. Unsere
Überlegung, die Ostwand zu queren und eine
Überschreitung über den Ostgrat zu versuchen,
lassen wir ziemlich schnell fallen.
Die Erzählungen einiger Maultierführer, daß die
Expeditionen auf der Ostseite schon seit Tagen auf
bessere Verhältnisse warten, und die extremen
Windverhältnisse hier unterdrücken jeglichen
Wunsch, eine technisch anspruchsvollere Tour zu
wählen. Hier heißt es nur noch Hauptsache hoch,
egal wo.
Die erste Nacht im Hochlager bleibt mir als eine
meiner schrecklichsten Übernachtungen im Gebirge
in Erinnerung. Der Sturm schlägt unaufhörlich ums
Zelt herum. An Schlafen ist gar nicht zu denken.
Die dauernde Angst, das Zelt zu verlieren und bei
diesem Sturm ungeschützt zu sein, läßt alle
hellwach sein.
Die kahlen Flanken des Arconcagua bieten im
Sturm keinerlei Schutz. So auch am nächsten Tag.
Wir wollen weiter auf 5900m, um uns den Weg
zum Gipfel genauer anzuschauen und zu testen, wie
es uns in der Höhe ergeht. Auf der ganzen Strecke
bis zum sogenannten Berlincamp sind wir dem
Wind hilflos ausgesetzt. Die Temperaturen fallen
unter -20 bis -30°C. Jeder ungeschützte Körperteil
läuft weiß an und wird gefühllos. Tritt dieser
Zustand für längere Zeit ein, erfrieren diese Stellen,
ohne daß man viel davon merkt.
Um so fassungsloser erscheint es uns, daß selbst
hier noch Leute mit Trekkingschuhen und
minderwertiger Ausrüstung herumlaufen. Es
erstaunt andererseits aber auch nicht mehr, daß sich
hier viele Bergsteiger ernsthafte Erfrierungen holen.
Selbst in unseren gut isolierten
Kunststoffschalenschuhen mit
Expeditionsinnenschuhen werden die Füße kalt und
teilweise gefühllos. Diese erste Exkursion in die
Höhe vermittelte uns einen Eindruck von dem, was
uns weiter oben noch so alles erwartet. An die
Stelle der technischen Schwierigkeiten rücken die
psychischen Probleme.
Dieser unaufhörliche Wind zehrt nicht nur an den
Zelten. Er martert die psychische und die physische
Leistungsfähigkeit jedes einzelnen. Somit treffen
wir einen Entschluß: Am nächsten Tag wollen wir
in einem Zug vom Hochlager bis zum Gipfel
durchlaufen. Jeder weitere Versuch, das Lager
höher zu verlegen, würde unseren Zustand nicht
begünstigen. Um uns herum sind nur zerschlagene
Gesichter und unzählige zerplatzte Träume zu
erkennen.
Einige fragen sich oft, nicht nur leise, warum sie
eigentlich hier sind. Dieser riesige Schutthaufen
wurde sicherlich schon von vielen verflucht. Aber
dennoch kommen jährlich immer mehr, um sich
dieser Probe zu stellen. Auch Werner gibt sich
geschlagen und dreht dem Berg den Rücken zu. Er
will nach dieser Nacht lieber im Basislager auf uns
warten. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht
machen wir uns in eisiger Frühe auf den Weg zum
Gipfel. Wie üblich läßt der Wind sich nicht
beknien, uns eine Chance zu gönnen. Also heißt es:
Alle Schotten dicht und durch. Eingemummelt, als
wollten wir die nächste Bank berauben, geht es
immer höher hinauf. Stefan bekommt schon beim
Losgehen eisige Füße und bemüht sich pausenlos,
diese wieder zum Leben zu erwecken.
Wieder auf 5900m angekommen entscheidet er,
sich im Schutz der kleinen Holzhütte beim
Berlincamp zu erholen und seine Füße zu
reanimieren. Da der Weiterweg keine technischen
Schwierigkeiten aufweist, das Wetter aber immer
bedenklicher wird, laufen Andy und ich weiter.
Schritt für Schritt, langsam und gleichmäßig geht es
Richtung Gipfel.
Drei Argentinier, die vom Berlincamp
aufgebrochen waren, werden sichtlich langsamer
und drehen dann schließlich auf 6400m um. Nun
sind nur noch wir einsam im Sturm unterwegs. Der
Aufstieg quert eine große Hochfläche, bevor es
dann sehr steil eine lose Schuttrinne hinaufgeht
zum Gipfelgrat. Aber schon die Querung fordert
alles an Überwindung, was aufzubringen ist. Hier
schlägt der Sturm erst richtig zu. Die
Windgeschwindigkeit steigt auf über 180Km/h und
die Wolken peitschen über die Flächen durch die
Felsen.
Es ist kurzfristig nur noch ein Fortkommen auf
Händen und Füßen möglich. Die einzige
Schutzmöglichkeit bietet ein Felsklotz auf halbem
Weg zum Gipfelcouloir. Ich kauere mich dahinter
und warte, bis Andy kommt. Auch er hat größte
Mühe, sich vorwärts zu bewegen. Als er bei mir
ankommt, ist er auch schon soweit umzudrehen. Ich
empfehle ihm, hier ein wenig auszuruhen, um es
sich dann noch mal zu überlegen.
Die Entscheidung, im richtigen Moment
umzudrehen, ist oft sehr viel schwieriger als die,
weiterzugehen und sich der Anstrengung zu stellen.
Ich entscheide mich dennoch weiterzugehen. Ich
versuche mich immer wieder selbst zu
kontrollieren. Arbeiten alle Systeme noch
zuverlässig? Ist alles noch im akzeptablen Bereich?
Habe ich Kopfweh oder sonstige Schmerzen? Spüre
ich meine Füße und Finger noch? Ich stelle mir
ständig neue Rechenaufgaben, um eine
Koordinationsschwäche oder eine drohende
Höhenkrankheit zu bemerken.
Der Körper wird zu einer Maschine, die es zu
beherrschen gilt. Es geht immer weiter und höher.
Zehn Schritte, stehenbleiben, weitere zehn Schritte,
stehenbleiben. Ich kämpfe mich jeden Meter hinauf.
Nun kommen höchste Ansprüche an Körper und
Geist. Ich verlange immer mehr nach Luft, und die
Gesichtsmaske scheint mir die Luft abzudrehen.
Allerdings wird es ohne extrem kalt. Nase und
Wangen drohen zu erfrieren. Das Geröllcouloir
bietet nahezu keinen Halt, es rutscht permanent
unter den Füßen ab. Der Berg scheint sich mit allen
Mitteln gegen mich zu stellen. Doch die Systeme
funktionieren, und ich erreiche den Gipfel nach nur
6 Stunden vom 1600m tiefer gelegenen Hochlager.
Ein unfaßbarer Moment. Ganz Amerika liegt zu
meinen kalten Füßen. Ich hatte die Maschine unter
Kontrolle und sie hat mich bis hier hoch gebracht.
Nun weiß ich wieder, warum ich immer wieder hier
hoch komme. Diese Zufriedenheit, sich selbst
soweit bringen zu können, sich so kontrollieren zu
können, gibt einem mehr als nur ein Gipfelerfolg.
Überglücklich und mit Tränen in den Augen sehe
ich dann auch noch, wie sich Andy unter mir immer
höher treibt. Und dann hat auch er es bis hier herauf
geschafft. Stefan hat es noch bis auf 6600m
probiert, hat dann aber die einzig richtige und
wahrscheinlich schwerere Entscheidung getroffen,
seinen Füßen zuliebe umzudrehen. Jeder, der so
kurz vor seinem lange ersehnten Ziel steht, wird
nachempfinden können was es bedeutet
umzudrehen und somit alle Anstrengungen zu
ignorieren. die einen erst soweit gebracht haben.
Am gleichen Tag noch steigen wir ab zum
Basislager auf 4200m, wo uns auch schon Werner
erwartet. Auf dem Weg nach unten holt uns die
Realität wieder ein, als am Wegrand die Bahre mit
dem toten Argentinier liegt. Heute oder morgen
wollen sie ihn abholen, um ihn auf seine letzte
Reise zu schicken. Hier wird mir wieder deutlich
bewußt, daß Maschinen auch kaputtgehen und
Entscheidungen auch falsch sein können.
Jürgen

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